Museum Aargau
Johannes von Hallwyl: ein Aargauer Adliger in der Karibik
https://www.museumaargau.ch/blog/johannes-von-hallwyl-ein-aargauer-adliger-in-der-karibik
Zurück zum Blog 19. Mai 2025 Kategorie Neuzeit Johannes von Hallwyl lebte in den 1720er- und 1730er-Jahren auf Martinique und in Saint-Domingue, dem heutigen Haiti. Was trieb ihn über den Atlantik? Und was – oder wen – brachte er von dort zurück in die Heimat? Johannes wurde 1688 geboren und wuchs in einer Zeit auf, in der seine Familie nur noch einen kleinen Anteil am Stammsitz, dem Schloss Hallwyl, besass. Sein Vater war mittellos, seine Mutter eine Bauerntochter. Die einzige Aufstiegsmöglichkeit für Johannes war eine Militärlaufbahn in Fremden Diensten. So begab er sich als junger Mann nach Holland. Später liess er sich von Frankreich anwerben und kommandierte als Offizier eine Kompanie von 200 Soldaten in dessen Kolonien. Martinique gehört noch heute zu Frankreich, Saint-Domingue war nach den USA die erste Kolonie, die 1804 ihre Unabhängigkeit erkämpfte. Soldaten des Regiments Karrer, in dem auch Johannes von Hallwyl diente. Aquarell von Albert von Escher, 1741. (Bibliothek am Guisanplatz, Bern) Mit einem Schweizer Regiment in Übersee Johannes von Hallwyl diente unter dem Solothurner Franz Adam Karrer. Dieser hatte für den französischen Marineminister ein Regiment mit Söldnern aus der Eidgenossenschaft und angrenzenden Regionen aufgestellt. Das Regiment schützte Frankreichs Übersee-Kolonien und seine Handelsschiffe gegen andere europäische Mächte. In den Kolonien selbst setzte es die Unterdrückung der versklavten Menschen durch. Über neunzig Prozent der damaligen Bevölkerung von Saint-Domingue war aus Westafrika verschleppt worden und leistete Zwangsarbeit auf den Plantagen. Hinweise auf die Aufgaben von Hallwyls Soldaten in Saint-Domingue fehlen in den erhaltenen Quellen. Überliefert ist, dass das Regiment 1758 die Hinrichtung von Franswa Makandal sicherte, dem Anführer des ersten grossen Aufstands der versklavten Bevölkerung in Saint-Domingue. Zu dieser Zeit lebte Johannes bereits nicht mehr. Versklavte Menschen verarbeiten Baumwolle in Saint-Domingue. Kupferstich aus der Enzyklopädie von Denis Diderot, graviert von A. Provost, 1751. (© Alamy) Transatlantischer Handel: Kolonialwaren und Luxusgüter Als Offizier war Johannes von Hallwyl auch Unternehmer; Militär und Handel gingen Hand in Hand. Er musste seine Soldaten verpflegen und ausstatten. Daneben handelte er mit verschiedenen Waren auf eigene Rechnung. Im Lauf der Jahre hatte er sich ein Handelsnetzwerk aufgebaut, dass von der Karibik über Frankreich bis in die Eidgenossenschaft reichte. Sein wichtigster Handelspartner, der Berner Johannes Jenner, koordinierte die Geschäfte in La Rochelle an der französischen Atlantikküste. Aus den Kolonien liess Hallwyl folgende Rohstoffe verschiffen: Tabak Zucker Kaffee Baumwolle Indigo (ein blauer Farbstoff) Kakao Schildpatt von Karettschildkröten Chinarinde (ein Heilmittel gegen Malaria) Dieses Necessaire aus Schildpatt gehörte Johannes‘ Sohn Albrecht Gabriel. (Schweizerisches Nationalmuseum, SH-210.15a-15f) Aus Frankreich und aus der Eidgenossenschaft bestellte Hallwyl Konsumgüter für die Oberschicht in Saint-Domingue: Tuch und verschiedene Stoffe aus Leinen und Baumwolle Tischtücher, Servietten, Taschentücher Schuhe, Strümpfe, Hemden, Hauben Broschen und Manschettenknöpfe ein Säbel Greyerzer- und Parmesankäse, Schabziger Kandierte Früchte und Süssigkeiten Kirsch und Liköre Medizinische Essenzen Gewürze, z.B. Kümmel Kerzen Korkenzieher Schrank- und Kommodenschlösser Der Kapitän des Schiffs «Le Fier» transportiert im Auftrag Hallwyls unter anderem Tischwäsche und Käse. (Staatsarchiv Bern, Familienarchiv von Hallwyl, A 110, Nr. 15. © Museum Aargau) Zurück in der Heimat – Wiedererlangung der Familienehre 1737 verliess Johannes von Hallwyl Saint-Domingue, um das Familienerbe anzutreten. Als Soldoffizier hatte er in der Kolonie zur Oberschicht gehört. In der Heimat musste er sich diese Stellung erarbeiten – mit seinem Vermögen aus dem Kolonialhandel und dem Aufbau neuer Beziehungen. Vor Gericht erstritt er das Schloss Hallwyl zurück und heiratete danach in die mächtige Berner Patrizierfamilie von Diesbach ein. Er unterstützte die Militärkarriere seines Verwandten Franz Josef von Hallwyl. Diesem gelang es 1752, kurz vor Johannes‘ Tod, das Regiment Karrer zu übernehmen. Es bestand als Regiment Hallwyl bis 1763. Johannes von Hallwyl und seine vierzig Jahre jüngere Ehefrau, Bernhardine Elisabeth von Diesbach, gemalt von einem unbekannten Künstler nach der Hochzeit 1743. (Schweizerisches Nationalmuseum, SH-183 und SH-179) Mutmassliche Sklaven auf Schloss Hallwyl? Als Hallwyl zurückkehrte, brachte er nicht nur Muscheln, Pelzkleider und Papageien mit, sondern liess auch seinen Diener Joseph und einen Schwarzen Jungen nachkommen. Beide waren höchstwahrscheinlich versklavt. Möglicherweise verbrachte das Kind sein Leben auf Schloss Hallwyl: Ein Enkel von Johannes von Hallwyl erwähnt in einem Brief im Jahr 1800 einen «Schwarzen Mann», den er mit einer Einladung für Heinrich Pestalozzi nach Burgdorf geschickt habe. Der Junge, den Johannes 1737 aus Saint-Domingue mitgenommen hatte, wäre zu diesem Zeitpunkt ein alter Mann gewesen. Womöglich befinden sich im umfangreichen Archiv der Familie von Hallwyl weitere Hinweise auf das Schicksal der beiden Menschen aus Saint-Domingue. An seinem Lebensende 1753 hatte Johannes sein Vermögen aufgebraucht, aber die Ehre der Familie war wieder hergestellt. NEUES BUCH Zwischen der Karibik und dem Aargau Johannes von Hallwyl (1688-1753) in den französischen Kolonien Weitere Beiträge 03. März 2025 Vom Adelssitz zum Museum: Schloss Hallwyl und Wilhelminas Vermächtnis Dass Schloss Hallwyl archäologisch erforscht und für die Öffentlichkeit zugänglich ist, verdanken wir Wilhelmina. Doch wer war diese Frau?… 29. Juni 2021 Wie kam ein Helm aus dem Orient nach Lenzburg? Die Sammlung Museum Aargau enthält wertvolle Gegenstände aus aller Welt. Wie kam, dass dieser kunstvolle orientalische Helm nach Schloss… 02. September 2021 Einblick ins Familienarchiv Hallwyl: Ein Pachtvertrag und haufenweise Mist Ein Pachtvertrag aus dem Familienarchiv Hallwyl gibt Einblick in die Landwirtschaft des Schlosshofs am Ende 18. Jahrhundert und in die… Von Sarah Caspers Von Sarah Caspers Sarah Caspers ist Geschichtsvermittlerin im Museum Aargau. Ähnliche Artikel finden Sie hier: Kategorie Neuzeit Kommentare