Hinter den kleinformatigen Welt- und Himmelskugeln stecken sowohl astronomische Vorstellungen wie auch historische Entdeckungen und handwerkliches Knowhow. Aber seit wann gibt es eigentlich Globen? Wie wurden diese hergestellt und was war ihr Verwendungszweck? Der Globus von Schloss Wildegg gibt Anlass, diesen und mehr Fragen auf den Grund zu gehen.
Auffällig ist er nicht, der kleine Globus von Schloss Wildegg. Mit einem Durchmesser von lediglich 12,5 cm ist er sogar kleiner als die meisten anderen Globen. Wer das Schloss bereits einmal durchschritten hat, ist ihm vielleicht dennoch begegnet. Zwischen dem ersten und zweiten Stockwerk führt ein seitlicher Gang von der Wendeltreppe nach rechts. Am Ende des Ganges befinden sich das Eckzimmer und die Karpfenstube. Letztere beherbergt seit längerer Zeit den besagten Globus von Schloss Wildegg.

Was sind Globen und seit wann gibt es sie?
Globen sind kugelförmige Modelle, die Planeten, Monde oder den Sternenhimmel darstellen. Besonders zwischen 1550 und 1850 wurden Erd- und Himmelsgloben häufig als zusammengehörige Paare hergestellt. Während ein Erdglobus die Erde zeigt, stellt ein Himmelsglobus den Sternenhimmel mit seinen Fixsternen und Sternbildern dar. Beim Globus aus der Karpfenstube handelt es sich um einen Erdglobus ohne ein bekanntes Pendant.

Die Geschichte der Globen reicht bis in die Antike zurück: Die älteste schriftliche Erwähnung eines Himmelsglobus stammt ungefähr aus dem Jahr 360 v. Chr. Zudem ist eine römische Kopie einer Atlasstatue mit Himmelsglobus aus dem 2. Jahrhundert n. Chr. bis heute erhalten geblieben. Während im Mittelalter die Tradition der antiken Globen im arabischen Kulturraum übernommen und weiterentwickelt wurde, gerieten Globen in Europa zeitweise in Vergessenheit.
1492 entstand in Nürnberg der älteste erhaltene Erdglobus der Welt. Da dieser noch vor der Entdeckungsreise des Kolumbus gefertigt wurde, ist der amerikanische Doppelkontinent nicht eingezeichnet. Die zunehmenden Überseefahrten und die europäischen Kolonialisierungen machten Globen fortan immer bedeutender und führten zu ihrer seriellen Produktion. Neue geografische Entdeckungen ermöglichten zugleich eine stetige Präzisierung der Erdgloben. Während diese im 19. Jahrhundert kartografisch weitgehend vervollständigt wurden, verloren Himmelsgloben zunehmend an Bedeutung.
Unter den insgesamt acht Globen der Sammlung von Museum Aargau befinden sich auch zwei Himmelsgloben. Einer der beiden wird aktuell in der Ausstellung auf der Klosterhalbinsel in Wettingen gezeigt.

Diener der Wissenschaft und Lehre
Globen dienten lange Zeit sowohl als Demonstrationsobjekte und Lehrmittel als auch als wissenschaftliche Instrumente. Hochwertige und präzise gefertigte Globen wurden bis zur Mitte des 19. Jh. für wissenschaftliche Zwecke genutzt, um beispielsweise den Sonnenauf- und -untergang und somit die Tageslänge für verschiedene Orte zu bestimmen. Besonders ab 1850 führte die zunehmende Massenproduktion von Globen zu einer stärkeren Verbreitung im Schulunterricht.
Von der Karpfenstube des Schloss Wildegg ist bekannt, dass sie als Unterrichtszimmer für Sophie von Erlachs Vater Niklaus Bernhard Effinger und dessen Brüder diente. Es ist deshalb naheliegend, dass auch der Globus von Schloss Wildegg den Schlossbewohnenden als Lehrmittel diente.
Aus der Werkstatt, in den Handel
Die gängigste Herstellungsmethode von Globen zwischen 1550 und 1950 bestand darin, zunächst zwei Halbkugeln aus Papiermaché anzufertigen, diese zusammenzuleimen und mit Gips zu überziehen. Anschliessend wurde die Oberfläche gleichmässig abgeschliffen und mit einer dünnen Papierschicht versehen. Bei Einzelanfertigungen wurde die Karte direkt auf die Kugel aufgemalt, während sie bei Serienproduktionen im Druckverfahren vervielfältigt und aufgeklebt wurde. Zum Schluss wurde der Globus in ein Gestell eingesetzt und auf einer um 23,5 Grad geneigten Achse befestigt.

Betrachtet man den Globus von Schloss Wildegg von Nahem, kann man die Längsstreifen der gedruckten und aufgeklebten Karte erkennen. Es handelt sich demnach um einen seriell hergestellten Globus.

Ein grosser Schriftzug auf dem Globusgestell weist ausserdem darauf hin, dass der Globus 1841 in der Rieseschen Buchhandlung in Coesfeld hergestellt und vermutlich auch dort verkauft wurde. Das scheint insbesondere deshalb plausibel, weil die Familie Riese auch eine Druckerei betrieb, in der sie die Globuskarten drucken konnte.

Den teils etwas schiefen Linien zufolge wurde der Globus nachträglich von Hand farbig bemalt. Wie die Familie Effinger in den Besitz des Rieseschen Globus kam, ist nicht bekannt.
Fazit
Die Geschichte der Globen reicht weit zurück und weist sehr bedeutsame Phasen auf. Heute werden sie überwiegend in der historischen Forschung oder als Sammel- oder Deko-Objekte verwendet. Schliesslich strahlen die runden Erdminiaturen eine faszinierende Ästhetik aus. So auch der kleine Globus von Schloss Wildegg, der bei genauerer Betrachtung einiges von sich preisgibt. Ein Globus ist nie nur eine Darstellung der Erde oder des Himmels, sondern immer auch ein Fenster in die Vorstellungswelt seiner Entstehungszeit.
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