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Geschichte und Geschichten

Foto von Gartenportal Schloss Wildegg. Blumen im Vordergrund zu sehen.

Von Weisheiten und Empfehlungen - Was die Inschriften auf Schloss Wildegg uns verraten

Inschriften aus vergangenen Zeiten mögen faszinieren, erstaunen, aber auch erschaudern. Auch auf Schloss Wildegg treffen wir auf so manche Inschrift: Sie sind in Stein eingemeisselt, auf Torbögen aufgepinselt oder auf Türen gemalt.

Kommen Sie mit auf einem Rundgang durch die Schlossanlage! Zusammen entdecken wir philosophische Sprüche in Latein und eine Weisheit, die uns an die Vergänglichkeit des Lebens erinnern soll.

Lateinische Sinnsprüche im Schlossgarten

Wir stehen auf dem Schlosshof und schauen Richtung Südwesten. Hinter dem Schlossbrunnen ragt ein Gartenportal hervor, welches uns den Weg in die Schlossgärten weist. Auf dem Gartenportal an der Hofmauer entdecken wir den ersten lateinischen Sinnspruch:

OMNIA PRUDENTER ET RESPICE FINEM

In allem weise und gedenke des Endes

 

Dieser Spruch stammt ursprünglich aus den Gesta Romanorum ("Die Taten der Römer"), einer spätmittelalterlichen Geschichtensammlung. Seit der ersten Hälfte des 14. Jahrhunderts bis in die Zeit des Barocks erlebte das Werk in unterschiedlichen Erscheinungen weite Verbreitung in Europa. Die Gesta Romanorum umfasst über 200 beispielhafte Erzählungen, die jeweils mit moralisierenden Empfehlungen geschmückt sind. So stellt auch der Sinnspruch auf dem Gartenportal einen moralischen Wegweiser dar: Er rät uns Lesenden dazu, klug zu handeln und stets die Konsequenzen im Blick zu halten.

 

 

Auf der Rückseite des Gartentors sind ebenfalls lateinische Weisheiten in Stein eingemeisselt und mit roter Farbe ausgeputzt:

NOMEN BONUM MELIUS QUAM DIVITIA MULTA

Ein guter Name ist köstlicher als Reichtum

ODOR VIRTUTIS MELIOR

Der Geruch der Tugend ist besser

 

Die Inschrift will uns also mitteilen, dass angemessenes Verhalten wichtiger sei als blosser Reichtum.

 

 

Wenn wir unseren Gang unter dem Gartentor hindurch fortsetzen, die Treppe hinunter, über die Lindenterrasse und durch die ersten Rebanlagen gehen, dann kommen wir zum heutigen Nutz- und Lustgarten. Ganz am Ende der wunderschönen Gartenanlage stossen wir schliesslich auf einen weiteren Torbogen, welcher den Blick auf die südlich gelegenen Rebpflanzen führt. Auch dieses Gartenportal beherbergt eine weise Inschrift:

NON MINUS EST QUAERERE, QUAM QUESTA PARTA TUERI

Nicht weniger ist das Suchen, als das Erworbene zu wahren wissen

 

Diese Inschrift rät uns, die Dinge zu schätzen, die man hat.

 

 

Ein Lustgarten für die Sinne

Warum finden sich solche Sinnsprüche auf zwei Torbögen auf dem Schlossgelände Wildegg? Die Inschriften stehen in Zusammenhang mit dem Schlossgarten. Wann genau dieser angelegt wurde, ist nicht abschliessend geklärt. Man weiss jedoch, dass Bernhard Effinger (1658-1725) den Garten bei Umbauarbeiten am Schloss um 1700 grosszügig erweiterte. Er liess damals das gesamte Schloss im Stil des Barocks umbauen – ein enormes Unterfangen!

 

 

Die schmucken Gartenportale waren Teil des neuen barocken Lustgartens. Bernhard liess nach gängiger Mode einen parkähnlicheren Garten errichten, welcher den Schlossbewohnern und Besuchenden zur Erholung und Erregung der Sinne dienen sollte. Im Barock bestand die Vorliebe, mit Sinnbildern, Anspielungen und Zitaten zu spielen.

Folglich waren lateinische Sinnsprüche auf Torbögen zur dieser Zeit nicht ungewöhnlich. Mit Vorliebe  orientierte man sich dabei an der griechischen und römischen Antike. Danebst war der Barock geprägt von philosophischen Leitmotiven wie "Memento Mori" (Bedenke deines Todes), "Carpe diem" (Nutze den Tag) und der "Vanitas" (Vergänglichkeit des Lebens). Somit sollten die lateinischen Sinnsprüche die Sinne der Besuchenden im Lustgarten anregen und sie zum Philosophieren ermutigen.

Die Nachkommen im Blick - Inschriften am Brückenportal

Wenn wir nun den Garten verlassen, uns Richtung Schloss bewegen und die Brücke überqueren, stehen wir erneut vor einem Portal, das uns verschiedene Weisheiten näherbringt:

OMNIA CUM DEO

Überall mit Gott

SINE SUO NUMINE, NIHIL EST IN HOMINE

Ohne göttliche Macht, ist der Mensch nichts

 

Diese Inschrift leitet uns an, gottesfürchtig zu leben. Unter den lateinischen Sprüchen sind Abkürzungen eingemeisselt, die bezeugen, dass wiederum Bernhard Effinger mit seiner Gemahlin Barbara de Salis dieses Portal Ende des 17. Jahrhunderts in Auftrag gegeben hatte:

B(ernhardus) E(ffinger) D(ominus) I(n) W(ildegg) // B(arbara) D(e) S(alis) 1693

 

 

Auf der Rückseite des Brückenportals sind ebenfalls Inschriften zu entdecken. Diese sollten die Schlossbewohner begleiten, wenn sie ihr Heim verliessen:

PIETAS ET CONCORDIA POSTERITATI RECOMENDATA

Frömmigkeit und Einigkeit wird der Nachkommenschaft weiterempfohlen

JUSTÉ. SOBRIE. RELIGIOSE.

gerecht, mässig, fromm

 

Angesprochen sind in dieser Inschrift die Nachkommen von Bernhard Effinger: Sie sollten nach dem Willen von Effinger gerecht, mässig, fromm und in Einigkeit leben. Sophie von Erlach-Effinger (1766-1840), die Urenkelin von Bernhard Effinger, schrieb in ihrer Burgchronik über diese Inschrift: "Der Zuspruch blieb nicht unfruchtbar, sondren trug bis auf heutigen Tag gute Früchte, und ihr Wunsch gieng in Erfüllung über." Die Inschrift machte also über Generationen hin von sich reden und blieb – ganz dem Wunsch Bernhards folgend – scheinbar lange wirksam.

 

 

Ein "Memento Mori" im dritten Stock

Bernhard Effinger könnte die Leidenschaft für Inschriften und Lebensweisheiten von seinem Vater, Hans Thüring Effinger (1619-1667), geerbt haben. Von diesem ist uns nämlich auch eine Inschrift im Schloss überliefert. Wenn wir im dritten Stock an der Trübelkammer vorbeigehen, wo früher Trauben getrocknet und aufbewahrt wurden, und in Richtung Bibliothek schreiten, sehen wir eine Tür mit folgender Inschrift.

GOTT GEB, ICH GANG AUS ODER EIN, SO FOLGT DER DOD UND WARTET MEIN.
WIE GOTT WILL, SO WIRD'S SEIN. 1664

 

Es ist eine typische Inschrift für diese Zeit – ganz nach dem Barocken Leitmotiv "Memento Mori". Hans Thüring Effinger blickte damals auf den tragischen Pesttod von acht Kindern und seiner ersten Frau zurück. Der Totenkopf als Symbol der Pest erinnert an den schrecklichen letzten Ausbruch in der Schweiz. Zur Zeit von Hans Thüring Effinger war der dritte Stock im Schloss das Wohngeschoss, hinter der Türe mit der Inschrift hatte er sein Schlafzimmer.

 

 

Auf unserem Rundgang haben wir diverse Inschriften auf dem Schlossgelände Wildegg entdeckt. Es sind Überreste, die von den Lebenswelten der ehemaligen Bewohnerinnen und Bewohner zeugen. Sie handeln von Weisheiten und Empfehlungen für das alltägliche Leben – Und einige von Ihnen haben in den dreihundert Jahren kaum an Gültigkeit verloren.

Literatur

  • Furger, Andres: "Schloss Wildegg. Aussenstelle des Schweizerischen Landesmuseums", Schweizerisches Landesmuseum, Zürich, 1994.
  • Ackermann, Felix / Müller, Felix: "Schloss Wildegg. Kanton Aargau", Schweizerischer Kunstführer, Serie 93, Nr. 926, Gesellschaft für Schweizerische Kunstgeschichte, Bern, 2013.
  • von Erlach, Sophie: "Kleine Burgchronik des Schlosses Wildegg der Sophie von Erlach-Effinger, in der Abschrift ihres Bruders Ludwig Albrecht", Museum Aargau, 2012.
  • Museum Aargau (Hg.): "Von Versailles nach Wildegg. De Versailles à Wildegg", Museum Aargau, Schloss Wildegg, 2013.

Die Übersetzungen der lateinischen Sprüche wurden der Literatur entnommen und teilweise von der Autorin frei übersetzt.

Von Stephanie Müller

Von Stephanie Müller

Stephanie Müller ist Historikerin und Praktikantin im Team Ausstellungen von Museum Aargau.

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Aufgeschnappt! , Schlossgeschichten

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