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Gesund durch den Winter mit Arzneien von Burkhard von Hallwyl - Teil 2

Burkhard III. von Hallwyl (1535-1598) verfasste um 1580 ein Arzneibuch mit fast dreitausend Rezepten. Darin finden sich Ratschläge für typische Winterkrankheiten wie Erkältungen oder Winterblues.

Burkhards verheimlichte Zutat

Je tiefer der Winter und je kälter die Luft, desto schwieriger wird es, gesund zu bleiben.

Sollte sich Ihre Erkältung trotz der Rezepte aus dem ersten Teil unserer Heilmittelkunde zu einer regelrechten Grippe auswachsen und Sie werden von Schüttelfrost geplagt, könnte dieses Rezept helfen:

Nimm von einer todten Schüdelen, schab darvon,

und gibs einem Krancknen in einem Trunck Wein,

das ers nit wüsse, ist probatum.

 

Glück für den Kranken, dass sein Heiler ihm das Rezept nicht verraten hat – getestet, «probatum» hat er es. Auch für uns ist es vielleicht besser, nicht zu wissen, was denn eine tote «Schüdele» ist.

Laut Idiotikon, dem Wörterbuch der schweizerdeutschen Sprache, bezeichnet eine «Totenschüdelen» einen Schädel oder ein Skelett. Junker Burkhard, ein Leichenfledderer? Arzneien aus Leichenteilen waren gang und gäbe.

Besagtes Lexikon zitiert ein ähnliches Rezept um 1650: Nimm von einer Todtenschüdelen ab der Hirnschalen abends und morgens ein Messerspitz voll.

Geheimes Rezept gegen Fieber

Geheimniskrämerei ist Teil von Junker Burkhards Heilmethode. Wenn Sie dran glauben und sattelfest in Latein sind, steht einem Selbstversuch des folgenden Fieber-Rezeptes nichts im Weg:

Item nim Fünffingerkraut, und lass den Krancken

ein Blatt nach dem andern abbrechen und zuo jedem Blatt

diese nachgeschribne Wort sprechen, und soll dann der Siech

jedlich Mal das Blatt nach dem Sagen essen, und lutet der Sägen also:

quia haec superstitiosa ideo tacere, quam vero proferre volui.

Sie wollen wirklich wissen, was der Zauberspruch bedeutet? Passen Sie nur auf, dass Sie über dem Grübeln nicht schwermütig werden. Gerade in der lichtarmen Jahreszeit ist der Stimmung besonders Sorge zu tragen.

Burkhard verschaukelte Ratsuchende auch mal. Der lateinische Spruch bedeutet nämlich bloss: «Weil diese abergläubischen Dinge schweigen, die ich vorbringen wollte.» Vielleicht vertraute der Heilkundige auch einfach auf den Placebo-Effekt…

Alkohol gegen Depressionen

Wenn Sie die Melancholie überkommt, bestellen Sie an der nächsten Bar einen von Burkhards Weinen.

Zum Beispiel Borrago-Wein: 

Er nimmt Traurigkeidt bringt Fröüd, ist guott […]zuo der Melanckoley,

[…] benimmt böse Fantasey, […] machs also mit Buretsch 2 oder 3

in 14 Mass gethan und in einanderen gesotten bis es lauter wird.

 

Mit Burkhards Mengenangaben können Sie einen Grosshaushalt behandeln. Eine Mass entsprach – je nach Gegend und Zeit – einem Liter bis gegen zwei Litern.

Ob in die vierzehn Mass zwei, drei Zweige oder ganze Pflanzen gehören, lässt der Autor offen. Es dürfte schon allein aufgrund des Weins fröhlich werden.

Rosmarin wirkt nicht nur bei Schnupfen und Fieber, sondern hilft auch gegen den Winterblues:

Von Roossmaryn Wein.

***

[…] der Wein hat wunderbarliche Kraft,

dann er nutzbar ist in allen kalten Kranckheiten,

durch sein Geruch wirst erfreüt, er sterckt alle Glyder,

[…] er verzehrt böse Füechtigkeit und Melankoley,

[…] macht gerecht die Begirdt, […]

dieser Wein ist guott wider […] die Sucht des hinderen Theils des Hirns

darvon die Vergessenheit kommt […]

 

Ein wahres Wundermittel, dieser Rosmarin.

Burkhards Zeitgenosse, der Naturforscher Paracelsus, warnte: Allein die Menge macht das Gift! Übertreiben Sie es also weder mit dem Rosmarin noch mit dem Wein. Es könnte im Rausch enden.

Bevor es so weit kommt, empfehlen wir Ihnen im Krankheitsfall den Gang zur Ärztin oder in die Apotheke. Am allerbesten bleiben Sie gesund. Vorsorge ist ja bekanntlich die beste Medizin.

Mehr Rezepte von Burkhard III. von Hallwyl finden Sie hier.

Von Sarah Caspers

Von Sarah Caspers

Sarah Caspers ist Geschichtsvermittlerin im Museum Aargau.

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