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Die Lenzburg: Ein Schloss und doch eine Burg

Die Mauern von Schloss Lenzburg sind rund 900 Jahre alt. Das Schloss hatte unzählige Bewohnerinnen und Bewohner mit unterschiedlichen Ansprüchen und Bedürfnissen, die es geformt und verändert haben. Was waren diese Veränderungen und wie sah das Schloss früher aus?

Die Grundsteine der Lenzburg

Die “Lenz-Burg” wird 1077 das erste Mal erwähnt, als Wehrbau zum Schutz seiner Bewohner. Benannt war die Burg nach der Lenz, dem mittelalterliche Name des Aabach's. Zu dieser Zeit waren die ersten Türme und Mauern auf dem Schlosshügel noch aus Holz. 

Das erste Gebäude aus Stein wurde 1100 erbaut und steht noch heute: der Palas. 70 Jahre später sollte die Burg um den Süd- und Nordturm erweitert werden. Die Bauarbeiten an beiden Türmen blieben jedoch unvollendet, da Ulrich IV. im Jahr 1173 verstarb. So blieb der Südturm nur eingeschossig. Ob die Mauern der Lenzburg zu diesem Zeitpunkt den ganzen Schlossberg umschlossen oder nicht, ist umstritten.

Im 14. Jahrhundert bauten die Habsburger die Lenzburg weiter aus, um die Burg zum Herrschaftssitz von Friedrich II. von Habsburg zu machen. Dafür wurde die Toranlage erweitert, die Mauern um den ganzen Schlosshügel gezogen und ein Wohn- und Herrschaftshaus, einem Herzog würdig, gebaut: das Herzogenhaus. Zu diesem neuen Haus gehörten ein Saaltrakt und eine kleine Kapelle, die dem heiligen Fortunatus gewidmet war. Auch dieser Bau wurde nicht vollständig abgeschlossen, da Friedrich II. 1344 verstarb. 

Von der Burg zu einer Festung 

Nachdem die Berner 1415 grosse Teile des Aargaus eingenommen hatten, richteten sie 1444 auf der Lenzburg den Sitz des Landvogts ein, der bis 1798 bestand. Die reformierten Berner entfernten jeden Prunk von den alten Bauten der Habsburger. Fortan erfüllte jedes Gebäude einen einen wirtschaftlichen oder militärischen Zweck. Die Burg wurde zu einer Festung ausgebaut: Mauern wurden verdickt, Kanonenstellungen eingerichtet und Bastionen aufgebaut.

Den wirtschaftlichen Zweck erfüllte die Lenzburg in erster Linie, indem sie zu einem riesigen Kornlager aus- und umgebaut wurde. Hierfür wurde alle Räume oberhalb des Gefängnisses beim Südturm abgerissen und zu einem grossen Kornlager umgebaut. Das Korn konnte in der festungseigenen Mühle direkt weiter zu Mehl und in der eigenen Bäckerei zu Brot verarbeitet werden. Ein Modell zeigt eindrücklich, wie das Schloss nach all den Veränderungen aussah.

Von der Festung zum Schloss

Nachdem die Festung 1789 an den Aargau übergegangen war, wurde sie kurz als Krankenhaus und als Schule genutzt und ging 1853 in Privatbesitz über. In dieser Zeit wurde die Lenzburg teilweise dem Verfall und Erosion überlassen. Der Unterhalt war kostspielig und nicht alle Räume wurden genutzt. Dabei gingen das Zeughaus sowie das westliche Wächterhaus verloren.

Ein Wendepunkt folgte 1892 mit dem Verkauf an Augustus Edward Jessup. Der amerikanische Unternehmer und Kunstsammler begann sofort mit dem Umbau der Festung zu einem Schloss, das seiner Gattin, Lady Mildred Marion Jessup Bowes-Lyon, aus königlichem Hause würdig sein sollte.

Das Kornhaus wurde teilweise abgerissen und man versuchte den alten Südturm wiederherzustellen. Die Ostbastion wurde um vier Meter abgetragen, um einen Rosengarten mit Zugang zur Landvogtei anzulegen. Diese erhielt eine neugotische Hoffassade. 

Alte Kanonenscharten wurden zugemauert und grosse helle Fenster wiederhergestellt. Sämtliche Räume wurden saniert und anschliessend durch den Kunsthändler Johann Karl Silvan Bossard mit stilgerechten Möbeln bestückt. Jessup wollte – wie es Ende 19. Jahrhundert in Mode war – hier ein Schloss erbauen, dass den damaligen romantischen Vorstellungen des Mittelalters entsprach. Er schenkte der Lenzburg sein heutiges Aussehen.

Während dieser Arbeiten wurden im unteren Saal drei zugemauerte Fenster aus der Zeit der Habsburger gefunden und wieder geöffnet. Es handelt sich dabei um die drei westlichen Fenster, wie sie in Bild 3 zu sehen sind. Zudem wurden alle 10 Fenster des oberen Saals rekonstruiert. Die Masswerke entsprechen jenen aus dem Kloster Königsfelden, welche zur selben Zeit restauriert wurde. 

Ein Museum in einem Schloss

Der letzte Bauherr der Lenzburg war der ehemalige Direktor des Historischen Museums Aargau, Hans Dürst. Um aus dem Schloss ein Museum zu machen, ging auch das Bauprojekt in den 1980er Jahren nicht besonders zimperlich mit der historischen Bausubstanz um: Der Palas und Südturm wurden vollständig ausgeschachtet, Wände neu durchbrochen und neue Böden eingezogen. Die Fensterwand des Rittersaals wurde wiederhergestellt, getreu den drei erhaltenen und von Jessup gefundenen Fenstern. Hierfür wurden die alten Fenster aus der Zeit der Berner zerstört. 

Die Landvogtei, die bisher einem gewöhnlichen Herrenhaus aus dem 20. Jahrhunderts glich, erhielt unter Dürst ihr heutiges Erscheinungsbild. Jedes Stockwerk wurde bewusst unterschiedlich gestaltet, um die jeweils dargestellten Epochen widerzuspiegeln. Gleichzeitig versuchte man, frühere Bauzustände sichtbar zu machen. 

Die Lenzburg ist ein einzigartiges Beispiel für die Veränderungen eines historischen Gebäudes über die Jahrhunderte hinweg. Von einer einfachen Burg zu einer Festung und schließlich zu einem Museum, die Geschichte der Lenzburg ist ein faszinierendes Kapitel in der Schweizer Geschichte. Jede Epoche hat ihre Spuren hinterlassen, und heute kann die Lenzburg als ein lebendiges Denkmal für die Vergangenheit betrachtet werden.

ÖFFENTLICHE FÜHRUNG

 

21.06.2026, 11:30 - 12:30

Stein für Stein: 900 Jahre Baugeschichte

Von der Adelsburg zum Museum

Von Frederick G. W. Eberhardt

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