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Vor 100 Jahren: Lenzburger Schlossbesitzer Lincoln Ellsworth überfliegt erstmals den Nordpol

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Alte Pflanzen neu entdeckt

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Spazieren und Flanieren im 18. und 19. Jahrhundert

Frische Luft und schöne Natur: Spazieren gehen lohnt sich! Und der Kanton Aargau bietet dafür beinahe unzählige Gelegenheiten. Ein Spazierstock aus der Sammlung Museum Aargau zeugt von der Historie dieser beliebten Freizeitbeschäftigung.

Bis heute gelten der französische Boulevard und der vornehme englischen Park als typische Sinnbilder für die romantische Spazierkultur. Dabei erfuhren sie erst im 18. und 19. Jh. durch Literatur, Malerei und auch gesellschaftliche Veränderungen einen Aufschwung, der gewöhnlichen Bürgern ein solches Flanieren überhaupt ermöglichte.

Die Rekonstruktion der Natur

Nur ungern nahm der Mensch die Strapazen der Natur auf sich. Lediglich zur notwendigen Jagd oder beim Mitziehen von wandernden Viehherden wurde der Weg in die dunklen Wälder oder über die schwindelerregenden Passrouten auf sich genommen. Zum reinen Vergnügen so gut wie gar nicht.

Erst im Laufe des 16. respektive des 17. Jh. begannen die vermögenden und adligen Bevölkerungsschichten sich auch zum Vergnügen in die Natur zu begeben. Um diese Transformation auch baugeschichtlich zu verstehen, müssen wir auf zwei Entwicklungen zurückgreifen, die vor allem im westlichen Europa vonstatten gingen und von da aus den restlichen Kontinent eroberten. Auch in der Eidgenossenschaft luden sich gehobene Gesellschaften damals gerne zu einem "Le Déjeuner sur l'herbe" ein.

Die Entstehung der Boulevards

Die ersten Boulevards hatten nichts mit der heutigen Darstellung einer breiten und mit Baumalleen gesäumten Strasse zu tun. Sie entstanden vielmehr aus reiner Zweckmässigkeit.

Nach dem 30-jährigen Krieg lagen viele Städte in Trümmern und ihre vormals einengenden Befestigungen aus Schanzen und Mauern waren durch das Aufkommen effektiver Artillerie nutzlos geworden. Sie wurden geschliffen oder gar gänzlich abgebaut. So geschah es auch in Paris.

Diese neu geschaffenen Freiräume wurden nach und nach von den Einwohnern der Stadt genutzt. Die Bürger und Bürgerinnen, junge Paare und in erster Linie die Aristokratie zeigten sich an den Wochenenden auf ausführlichen Spaziergängen.

Die Ursprünge des Spazierens liegen im aristokratischen „Lust­wandeln“ in Gärten und Barockparks. Erst später kamen soziale Komponenten hinzu, wie das Knüpfen von Kontakten oder das Führen eines ügestörten (intimen) Gesprächs.

Eine neue Welt tut sich auf

Der Flaneur oder sein weibliches Gegenstück, die Passante, wurden zu einem weit rezipierten und reflektierten Gegenstand in der Literatur, der Emanzipationsforschung, der Musik und der Malerei.

In diesen Figuren konnten gesellschaftliche Themen mit philosophischen Ansichten vereint und diskutiert werden, ohne gleich eine politische Position beziehen zu müssen. Der Blickwinkel war losgelöst vom restlichen Geschehen.

Zu beobachten und sich treiben zu lassen sind dabei zentrale Bestandteile des Spazierens und Flanierens. Moderne Aufsätze zu diesem Thema veranschaulichen es vor dem Hintergrund der Globalisierung oder versuchen, die Eigenschaften des Flanierens auf Videospiele und die Art und Weise der Internetnutzung zu übertragen.

Englische Parks – begehbare Landschaftsgemälde

Während die französischen Boulevards als Vorbilder für die grossen Alleen in Berlin dienten, waren es hier bei uns die französischen Barockgärten die dominierende Vorlage. Dies änderte sich mit der Arbeit von William Kent, der mit dem Garten des Chiswick House in London den Grundstein für eine neue Stilrichtung legte.

Im Zentrum dieser neuen Gestaltung lag die Einbettung der Gärten in ihre natürliche Umgebung. Die üppigen Blumenbeete wurden weggelassen und auch die geometrischen Achsen wichen einer geschwungenen Wegführung.

Im 18. Jh. schwappte der Trend auch auf das europäische Festland hinüber. Vorreiter wie Ritter von Sckell in München oder Hermann von Pückler-Muskau in Bad Muskau hinterliessen ihre Spuren. So verpflanzte Pückler zum ersten Mal erfolgreich komplette Bäume.

Auch in der Schweiz fanden sich eifrig Nachahmer dieser neuen Stilrichtung und englische Gärten waren en vogue. Vor allem sonntags versammelten sich immer mehr Menschen in den öffentlichen Parkanlagen. Der Adel und das industrielle Bürgertum zog sich daher in die eigenen Villengärten im Landschaftsstil zurück. Auch der Hof auf Schloss Lenzburg glich 1861 einem Landschaftsgarten en miniature.

1893 liessen die damaligen Besitzer Augustus Edward Jessup und seine Frau Lady Mildred Marion Bowes Lyon zudem einen bis heute erhaltenen Rosengarten anlegen. An den Fassaden wachsen bis heute englische Schlingrosen und alte Sorten von Floribund-Rosen.

Spazierstöcke – (fast) so veritabel wie Schweizer Taschenmesser

Spazierstöcke dienten nicht nur als Gehhilfen. Sie waren ein Statussymbol, zählten Schritte, fungierten als Halter oder boten Stauraum und Verstecke. Schon die Kleinsten verfügten wie ihre Eltern über das modische Accessoire.

Zumeist bildete der Knauf das Herzstück. Er findet sich in allen Formen und Materialien. Ob als Tier, Fratze oder ein schlichter Handgriff aus einem Edelmetall: Es findet sich für jeden Geschmack und jede Gelegenheit der richtige Stock.

So auch ein spezielles Exemplar, das sich in der Sammlung des Museum Aargau befindet. Der Stock wirkt auf den ersten Blick unhandlich und klobig, aber er vereint zwei der wichtigsten Merkmale der viktorianischen Spazierkultur: Das Spazieren und das Essen.

Leider ist nicht viel über das Exemplar bekannt. Es befand sich im ursprünglichen Inventar des Schlosses Lenzburg von 1956. Vielleicht gehörte er einst einem der Ellsworths oder war im Besitz von Jessup und Lady Mildred. Oder ein Spazierender hat ihn im Schlosspark liegen lassen.

Literatur

Calignani, A. und W: The History of Paris, 1825, S. 178ff.

Dydik Michaela: Flanieren- gedichte gegen die Hektik der Zeit. Unternehmen Lyrik. URL: www.unternehmen-lyrik.de (Stand: 17.03.2022, 10:02).

König, Gudrun M: Eine Kulturgeschichte des Spaziergangs. Spuren einer bürgerlichen Praktik 1780–1850 (= Kulturstudien. Sonderband 20.) Böhlau, Wien 1996.

Mowl, Timothy: William Kent. Architect, Designer, Opportunist. Jonathan Cape, London 2006.

Runzheimer Bernhard: Die digitale Flanerie als reflexive Raumexploration im Computerspiel. In: Journal Film- und Fernsehwissenschaftliches Kolloquium ffk. Nr. 2. Avinus-Verlag, 2017

Schröteler-von Brandt, Hildegard: Stadtbau- und Stadtplanungsgeschichte. Springer Vieweg, Wiesbaden, 2008, S. 78.

Short, John Rennie: Globalization, Modernity and the City (= Routledge Studies in Human Geography. Band 36). Routledge, New York 2012, S. 139

Sickert, Hermann: Hints on landscape gardeningby Fürst von Pückler-Muskau. Ed. Samuel Parsons. Houghton Mifflin Company Boston, New York, 1917.

Tucker, Paul Hayes (1998). Manet's Le Déjeuner sur l'herbe. Cambridge: Cambridge University Press. S. 5–14.

Von Romeo Arquint

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