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Geschichte und Geschichten

Eine Krippe aus der Provence zu Gast auf der Klosterhalbinsel Wettingen

Vom 9. bis 18. Dezember 2022 ist anlässlich der Wettinger Weihnachtstage im Parlatorium des Klosters Wettingen eine provenzalische Krippe zu bewundern.

Das Geburtsfest Christi wird im Süden Frankreichs mit sogenannten Santons-Krippen gefeiert. Santons sind handbemalte Terracotta-Figuren, die zwischen 2,5 cm und 15 cm hoch sind und zunächst durch ihre Buntheit auffallen. Die Santons der ausgestellten Krippe aus Schweizer Privatbesitz haben eine Grösse von 9 cm.

Santons aus dem Atelier Marcel Carbonel, Marseille

In Frankreich gibt es verschiedene Ateliers – Santoniers genannt –, die jedes Jahr neue Figuren kreieren. Diejenigen der ausgestellten Krippe stammen allesamt vom berühmten Santonier Marcel Carbonel aus Marseille. Marcel Carbonel (1911–2003) war ursprünglich Lithograph und hat auf diese Weise ein besonderes Gespür für Linien und Farben entwickelt.

Für seine Santons, die er seit 1935 hergestellt hat, hat er eine eigene Palette mit Gouache-Farben entwickelt, die bis heute verwendet wird. Die aus gebranntem Ton hergestellten Santons sind allesamt von Hand bemalt, so dass kein Santon dem anderen gleicht. Bei der Wahl des Santons lohnt sich deshalb ein sorgfältiger Vergleich der Figuren.

 

 

Die ganze Welt im Wohnzimmer

Am 4. Dezember (Heilige Barbara) wird die provenzalische Krippe aufgestellt und bleibt in den Wohnzimmern bis zum 2. Februar (Maria Lichtmess). Erst am 24. Dezember wird das Christkind in die Krippe gelegt. Am 6. Januar werden die wandernden Heiligen Drei Könige vor die Krippe platziert.

Um die Krippe kreisen verschiedene Traditionen wie beispielsweise der bis heute gefeierte provenzalische Brauch der Treize Desserts (dtsch. Dreizehn Desserts), die als Attribut einer Figur oder als Requisit in der Krippe auftauchen. Die Anzahl der Desserts verweist vermutlich auf Jesus und seine zwölf Jünger.

Gemäss der Tradition sind die Treize Desserts eine Zusammenstellung aus dunklem und hellem Nougat, eine Pompe à l’huile d’olive oder eine Fougasse à la fleur d’oranger (Gebäck, Brot), Datteln, Quatre Mendiants (dtsch. «Die vier Bettler») als Repräsentanten der Ordensgemeinschaften (Walnüsse und Haselnüsse für die Augustiner, Feigen für die Franziskaner, Mandeln für die Karmeliten und Rosinen für die Dominikaner), Zuckermelone (Melon Vert), Weintrauben, Apfel-Birnenmus oder Frucht-Gelee, korsische Orangen und/oder Clementinen, Trockenpflaumen, Walnüssen, Äpfeln, Birnen, Calissons oder kandierte Maronen, Fruchtgelee oder Fruchtkonfekt sowie der bekannte Vin Cuit (Likör).

Biblische und literarische Vorlagen

Reizvoll ist ebenfalls, dass die Santons nicht nur von den biblischen Berichten, sondern ebenfalls von verschiedenen literarischen Vorlagen inspiriert sind.

So handelt es sich beispielsweise beim Korbflechter um Vincent, welcher in Frédéric Mistrals (Maillane 1830 – 1914 ebd.) Liebesepos «Mireille» (1859) eine Hauptrolle spielt: Es erzählt von einer reichen Bauerntochter, die für ihre gesellschaftlich nicht möglichen Liebe zu einem armen Korbflechter kämpft und auf der Suche nach göttlicher Unterstützung auf Wanderschaft geht. Dieses Werk, das zahlreiche Bezüge zu provenzalischen dörflichen Themenkreisen aus vergangenen Jahrhunderten enthält, wurde von der Académie française preisgekrönt und begründete auch international Mistrals Ruf.  Eine weitere literarische Quelle sind die «Lettres de mon moulin» (ab 1866) von Alphonse Daudet. Daudet schildert in seinen in Paris verfassten «Briefen» provenzalische Schwänke und Geschichten im Stil von Volksmärchen.

Der wohl berühmteste Brief Daudets berichtet von der legendären schneeweissen Ziege Blanchette des Monsieur Seguin, welche von der Freiheit gelockt in die Berge flieht – dort lauert der Wolf auf sie. Wegen Daudet findet sich in jeder provenzalischen Krippe eine Mühle und eine weisse Ziege, die sich von den übrigen gefleckten Ziegen absetzt.

 

 

Es erstaunt aufgrund der literarischen Quellen nicht, dass zur klassischen Figurenausstattung einer provenzalischen Krippe ebenfalls ein Santon gehört, der einen Poeten darstellt. Der Poet des Marseiller Santoniers Marcel Carbonel besticht durch seine Eleganz. Besonders augenfällig ist die hervorblitzende Taschenuhr. Sein schwarzer Hut und Umhang sowie sein Spazierstock verweisen weiter darauf, dass er auf Wanderschaft ist, – dies selbstverständlich nie ohne Bücher.

 

 

Kennerinnen und Kenner der provenzalischen Krippentradition erkennen im Poeten sofort den Félibre. Das Wort «Félibre» geht zurück Frédéric Mistral. 1854 gründete Mistral zusammen mit Joseph Roumanille, Félix Gras und Théodore Aubanel die sogenannte  Félibrige-Bewegung, die sich für eine Wiederbelebung und den Erhalt der provenzalischen Sprache in der Literatur einsetzte. Seit 1859 stand er an der Spitze der Félibrige-Bewegung und wurde ihr kreativster Vertreter.

Mistral setzte sich – parallel zu der vielfach einsetzenden Nationalitätenbewegung des 19. Jahrhunderts – für eine geistige und kulturelle Unabhängigkeit der Provence gegenüber dem auch kulturpolitisch zentralistischen Frankreich ein, anfangs auch noch für eine politische Autonomie. Dabei kämpfte er gegen das vorherrschende Klischee der Rückständigkeit der Provence und suchte dabei Anknüpfungspunkte in der mediterranen Kultur und in der Überlieferung der Antike. Im Laufe von zwanzig Jahren erstellte Frédéric Mistral ein Wörterbuch der provenzalischen Sprache, das zwischen 1879 bis 1886 erschien und zahlreiche provenzalische Dialekte berücksichtigt. 1904 erhielt Mistral den Nobelpreis für Literatur. In der provenzalischen Krippe von Muri steht Mistrals Félibre am Fluss – er macht dort von seiner Wanderschaft eine Pause, um neue Kraft und Inspiration zu schöpfen.

Pastorale provençale

Die Pastorale provençale ist eine weitere bedeutende Quelle für das Verständnis der provenzalischen Krippe. Die Pastorale ist eine weihnachtliche Aufführung mit Gesängen. Für die Inspiration neuer Krippenfiguren ist vor allem die 1844 erschienene «Pastorale Maurel» von Bedeutung. Die Pastorale Maurel geht zurück auf den Spiegelhersteller und Vergolder Antoine Maurel, der auf Anfrage eines Klerikers namens Julien für den katholischen Arbeiterzirkel in Marseille das musikalische Schäferschauspiel in vier Akten verfasst hat (1844 in Marseille erschienen).

Mehrere Figuren in der Krippe sind direkt von der aus der «Pastorale Maurel» inspiriert wie beispielsweise der blinde Vater mit seinem Sohn Simon und dessen Bruder Chicoulet, Bartoumieu sowie Herr Jourdan und dessen Frau Margarido: So gehört Monsieur Jourdan zu jenen Figuren, die von den Hirten die frohe Botschaft der Geburt Christi vernommen haben. Für das Einrichten der Krippe bedeutet dies, dass die beiden Santons nicht in die Nähe des Jesuskindes platziert werden sollten.

 

 

Marcel Carbonels Jourdan-Figur hält allerdings einen Spazierstock in der einen Hand und einen Korb mit Proviant in der anderen Hand. Daraus können wir schliessen, dass er die Botschaft nunmehr vernommen hat und sich auf dem Weg zur Krippe befindet. Monsieur Jourdan zeichnet sich zudem durch seine auffallend elegante Erscheinung aus. So trägt er einen edlen Klappzylinder – «gibus» genannt –, einen roten Krawattenschal mit weissen Punkten und ein Gilet mit Stickereien, weisse Socken und Schuhe mit Schnallen.

Monsieur Jourdans Gattin Margarido wiederum sitzt in aufrechter Haltung auf einem Esel, was darauf hinweist, dass der Weg zur Krippe noch länger andauern wird. Über ihrer weissen Spitzenhaube befindet sich ein schwarzer, breitkrempiger Hut, der von der Sonne schützen soll – die Pastorale berichtet, dass sie Mühe mit dem Alter hat und deshalb die Sonne meidet, zudem lasse sie keine Gelegenheit aus, an ihrem Gatten herumzunörgeln, zu einer Versöhnung der beiden kommt es erst an der Krippe.

Zu den wohl berührendsten Santons der provenzalischen Krippen gehören der blinde Vater (provenzalisch «avugle») und dessen Sohn Simon. Die beiden Santons bezeugen auf eindrückliche Weise, dass in provenzalischen Krippen auch Menschen erscheinen, die blind oder, wie der Nachtwächter, taub sind: Alle Menschen sollen von der frohen Botschaft der Geburt Christi erfahren.

 

 

Der Vater und dessen Sohn Simon sind ebenfalls von der Pastorale Maurel inspiriert. Gemäss der Pastorale gewinnt der Vater von Simon an der Krippe Jesu sein Augenlicht. Er erkennt ebenfalls dessen zweiten Sohn Chicoulet, der als Kind von einem Briganten entführt worden ist. In der Krippe von Wettingen ist Chicoulet aus diesem Grund neben dem Briganten platziert.

 

 

Die Figurengruppe um den Vater und dessen Sohn Simon zeigt auf anschauliche Weise, wie sich durch die provenzalischen Krippen die unterschiedlichsten Handlungsstränge entwickeln. Die meisten Figuren sind demnach nicht isoliert, sondern dank den literarischen Vorlagen inhaltlich miteinander verwoben.

Kennerinnen und Kenner der provenzalischen Krippen können auf diese Weise auch besser nachvollziehen, welche inhaltlichen Akzente durch die jeweilige Platzierung der Santons in der Krippe gesetzt werden. Denkbar wäre ja beispielsweise auch, dass Chicoulet zusammen mit seinem Vater und dessen Bruder Simon an der Krippe steht. In der Krippe von Wettingen ist aber ein anderer Moment der Geschichte ausgewählt worden – noch ist Chicoulet Gefangener des Briganten.

Von Rudolf Velhagen

Von Rudolf Velhagen

Chefkurator Sammlung & Ausstellungen

Rudolf Velhagen stellt hier regelmässig Trouvaillen, Raritäten und überraschende Schätze aus der Sammlung von Museum Aargau vor. Diese umfasst rund 55'000 Objekte. Ein grosser Teil davon lagert im Sammlungszentrum Egliswil.

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